Freitag, 4. März 2011

Der erste Platz

Am Dienstag erhielten wir u. a. die Aufgabe, herauszufinden, wofür der morgige Feiertag ist. Kurz: Am 3. März wird der Tag des Mädchens zelebriert. Über das Mädchen wird eine “Puppe” aus Papier gestrichen, welche die bösen Geister entzieht. Anschliessend wird die Papierpuppe auf einem kleinen Boot befestigt und den Bach hinunter geschickt und somit die bösen Geister weg. Zumindest war das von ein paar Hundert Jahren so. Wie auch anderswo ist dieser Brauch gewachsen, in Kyoto beschweren sich inzwischen zum Beispiel die Fischer. Weiterhin werden auf einem bis zu sieben Stufen umfassenden Treppenbau Puppen aufgestellt, inklusive den mit der Zeit hinzugedichteten drei Helferinnen, fünf Musikern, weiteren drei Samurai sowie Kleiderschränken und einem Ochsenkarren.
Am Mittwoch begann unsere Klasse zu dritt, die anderen hatten einen Aufholtag. Unsere Klassenaufgabe war eine Zeichnung mit drei Stufen zu diesem Thema anzufertigen. Alle waren vom Zeichnen hell begeistert, Ich hatte dann die Idee, dass wir die zusätzlichen, farbig und mit Mustern bedruckten Papierchen so zerschnitten, dass wir damit Kleider zusammenstellen konnten. So begann unsere kleine Bastelstunde. Einer machte die Möbel, der andere schnitt zu und ich klebte. Der Lehrerein gab ich die Aufgabe die Gesichter zuzuschneiden und zu zeichnen. In der letzten Stunde musste jede Klasse ihre Zeichnung vorstellen. Das Präsentieren blieb wieder mal an mir hängen, irgendwie ziehe ich das an.

Später am Nachmittag ging ich ein Reisebüro am Bahnhof und buchte meinen Wochenendausflug nach Kagoshima. Ja, das ist dort, wo sich der Vulkan befindet, der vor ein paar Wochen in der Zeitung war. Mal schauen wie es in Süd-Kyushu aussieht. Inzwischen fährt auch ein Shinkansen bis dort durch, sodass die Reisezeit für 300km rund 2 Stunden beträgt. Ab April, wie ich dann am Abend von der Gastfamilie erfuhr, wird ein neuer Shinkansen die Strecke befahren und gerade mal eine Stunde und fünfzehn Minuten benötigen.

Gestern Abend fand in Hakata-Eki (Eki=Bahnhof) die grosse Eröffnung des Einkaufzentrums statt. Eigentlich wollte ich nicht hingehen, war aber am späteren Nachmittag in der Nähe und tat mir das an. Obwohl mehrere Personen sagten, dass es viele Leute haben würde, war es nicht schlimmer als an einem Samstag in Zürich. Der Unterschieb bestand jedoch darin, dass sehr viel Personal zugegen war und an jedem Eingang oder Ecke jemand stand, der die “vielen” Besucher sehr korrekt hineinlenkten und um die Ecke schickten. Man möge mir den leicht zynischen Unterton verzeihen. Ich hielt mich in eine Weile in der Esswarenabteilung auf und bestaunte die Auslagen.

Gestern verbrachte ich bei bissigen vier Grad rund drei Stunden mit Herumlaufen, Dazwischen gönnte ich mir eine Tasse Kaffee und lernte. Irgendwo auf dem Heimweg ass ich zu Abend.
Hier fühle ich mich auch in den kleinsten Gässchen wohl, hier lauert nix hinter der nächsten Ecke. Zum ersten Mal sah ich eine streunende Katze und eine Frau die mit ihren Kläffer Gassi ging, oder umgekehrt. Pudel sind doof.

Jeweils am Freitag nach dem eigentlichen Unterricht halten die Studenten, die ihren Unterricht beenden, eine kurze Abschiedsrede. Das blüht mir in drei Wochen auch, freue mich schon mächtig.... Heute war zusätzlich die Preisverleihung für das beste Bild des Mädchenfestes vom  Mittwoch.
Mochiron (natürlich) haben wir gewonnen. Die Lehrerin und wir erhielten einen kleinen Preis, meiner ist ein Zeichenset für Kalligraphie.


Heute Abend gehen Herr und Frau Han aus und treffen ein paar Freunde. Am Morgen erhielt ich einen Schlüssel und dessen Benutzung erklärt, damit ich selbständig ins Haus und in die Wohnung kann.

In den letzten Tagen hab ich viel Erstaunliches gesehen, von dem ich noch gar nicht berichtet habe.  Mochiron ist das Meiste davon Japan-spezifisch, jedoch gibt es auch in der Schweiz so viele Dinge die selbstverständlich sind und kaum Beachtung finden. Mochiron ist es etwas Speziell, einen Würfel Toast von 10x10x10 cm mit einer Glacekugel und Caramelsauce als Dessert, einzeln abgepackte Melonen für 50 Franken das Stück, beheizte Sitzringe in öffentlichen Toiletten oder Personen mit  Kleidung à la “Ghost of Christmas past” zu sehen.

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